Pentagramm 4/2005
"Die Lehre Manis ist mit Ziel und Wesen des Christentums eins,
wie die Rosenkreuzer schon seit Jahrhunderten verkündet haben.
Daher ist Mani eine der wichtigsten Inspirationen der
Rosenkreuzer." J.van Rijckenborgh
Inhalt
- Von Licht zu Licht
- Die Suche nach dem wahren Selbst
- Der Weg, den Hermes weist
- Der Mann, der die Stein belauschte
- Naturmensch und Geistmensch
- Die Einhheit der Pilger auf den Pfad
- Mani-Die Gabe des Lichtes
- Alles Gehörte geht im Unendlichen auf
- Die Täuschung überwinden
Leseprobe
In der Geheimlehre der Hindus, den Upanishaden, steht folgendes
Gleichnis: "Das Selbst (atman) ist der Wageninsasse, der Körper
ist der Wagen, die Erkenntnis (buddhi) ist der Wagenlenker, das Denken
(manas) ist der Zügel, die Sinne sind die Rosse und die Objekte der
Sinne sind die Fahrbahn, die zum Ziel führt." (Katha Upanishad)
Die Suche nach diesem hohen Ziel und der Weg dahin erfordern große
Ausdauer. Wir vermögen uns jedoch nicht so ohne Weiteres auf dieses
Ziel zu konzentrieren. Unsere Denkfunktionen sind an einen biologischen
Lebenstrieb gebunden, der uns in den Grenzen der materiellen Welt
gefangen hält.
Unser Denken beschäftigt sich daher logischerweise mit
vergänglichen Dingen. Oft sind unsere Gemütsbewegungen und
Empfindungen wie ungestüme, kaum lenkbare Rosse, die sich auf die
Phänomene der irdischen Welt stürzen und sie mit unserer
Persönlichkeit verbinden. Um die Rosse zu bändigen,
bemühen wir uns, unsere Instinkte zu kultivieren. So erhalten wir
immer subtilere Fähigkeiten, mit denen wir uns in der Welt der
Materie behaupten. Aber das wahre Selbst, das gleichsam irgendwo
zwischen dem Gepäck im Wagen als Lichtkeim liegt, bleibt
unberührt von all den so verfeinerten Lebensäußerungen.
Solange wir unsere Lebensausrichtung — also auch das natürliche
Denken — auf die Materie konzentrieren, bleiben unsere
Gemütsbewegungen ebenfalls in den Grenzen dieses Lebensfeldes der
Gegensätze und kann uns der Lichtkeim mit seinen Impulsen nicht
erreichen.
Wir können dem Reigen von Lust und Schmerz, in den uns die Sinne
verwickeln, nicht entkommen und kennen dessen Ziel zunächst nicht.
Er hat auch gar kein Ziel! Es geht also nicht darum, in diesem Reigen
etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern darum, so bewusst wie
möglich zu erfassen, dass wir zu einem anderen Lebensfeld
gehören. Daraus kann dann ein Ziel entstehen! In einer solchen
Verfassung werden wir einmal erfahren, dass die Welt, die uns die Sinne
vorgaukeln, ein Trugbild ist. Die irrlichternde Begierde erzeugt dieses
Trugbild und hält daher den darauf fol-genden Schmerz - der
Enttäuschung - schon in sich beschlossen. Trugbilder sind falsche
Vorstellungen der Gesetzmäßigkeiten, die unser Leben
bestimmen.
Wenn wir diese Vorstellungen aufgeben und alle Dinge und Zustände
nüchtern erkennen und annehmen, stoßen wir an eine Grenze der
Erkenntnis. Aber wenn wir uns dann fragen, ob die äußere
Gesetzmäßigkeit, die uns vorgegaukelt wird, tatsächlich
besteht, dann ist das ein erster Schritt zur Befreiung des auf die
Materie gerichteten Denkens.
Der verborgene Lichtkeim in uns hat dann ein bisher nicht gekanntes
Gefühl erweckt, eine unbestimmte Ahnung, ein Heimweh. Wenn wir
diese Ahnung unbeachtet lassen, führen uns die Sinne zusammen mit
dem Verstand wieder auf große Umwege. Dabei wollen die Impulse des
Lichtkeims uns zur Erkenntnis des verloren gegangenen inneren Lebens
bringen!
Ein gereinigtes Herz führt zu rechter Erkenntnis, lesen wir in den
Upanishaden. Mit der rechten Erkenntnis können wir unsere
Erfahrungen im Reigen von Lust und Schmerz endlich verstehen. Im Licht
unseres „Urgrundes“ gesehen, zeigt es sich, dass alle diese Erfahrungen
notwendig, aber auch Abweichungen vom Weg zum wirklichen Ziel waren.
Unsere verstandene Vergangenheit erweist sich als Nährboden
für das vergessene wahre Selbst, das nun erblühen kann wie die
Lotosblume im Schlamm eines Teiches.[...]