Pentagramm 2/2006
Eine Welt
Denn die göttliche Einheit, aus der die Mikrokosmen hervorgegangen
sind, drängt sie zur Einheit. In deren Kraft sind alle Menschen
angesprochen, in sich eine neue Seele zur Geburt zu bringen.
Inhalt
- Die Wahrheit ist Licht
- Die grosse und die kleine Wirklichkeit
- Dag Hammarskjöld
- Der Herzschlag der Erde
- Die Antwort auf Aquarius
- Desiderata
- Auf dem Weg zu Liebe und Einheit
- Allmacht
- Der Schlüssel
- Curriculum vitae
Leseprobe
[...] In der Lehre der Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes wird
zwischen der erscheinenden Materie und der wesentlichen Materie oder
auch zwischen der kleinen und der großen Wirklichkeit
unterschieden. Zur erscheinenden Materie gehört alles, was wir mit
unseren Sinnesorganen wahrnehmen: Erde, Steine, Minerale, alle
tierischen und menschlichen Formen oder Körper sowie alle
Himmelskörper, die wir mit unseren Augen oder technischen
Hilfsmitteln wahrnehmen können.
Übrigens schätzt man, dass es - jedenfalls im Augenblick - so
ungefähr 400 Milliarden Milchstraßensysteme in unserem
Universum gibt. Auch was man innerhalb eines Atoms wahrnimmt oder
wahrzunehmen meint, gehört zur erscheinenden Materie oder Energie,
denn Materie - das wissen wir seit Einstein - ist eine Form der Energie.
Das gesamte Universum, vom Atom bis zum Milchstraßensystem, ist
also erscheinende Materie oder die kleine Wirklichkeit. Das ist eine so
große Menge, dass wir es uns nicht vorstellen können. Nun
sagen Physiker, dass das gesamte wahrnehmbare Universum nur aus einem
bis zu vier Prozent der Gesamtenergie besteht, aus der das Universum
entstanden ist. Bei vorsichtiger Schätzung kann man daher sagen,
dass die gesamte erscheinende Materie nur ein Prozent aller Materie oder
Energie ausmacht und neunundneunzig Prozent für uns nicht
wahrnehmbar sind. Das ist der moderne, naturwissenschaftliche
Wissensstand.
In dem gnostischen Werk Pistis Sophia heißt es, dass das gesamte
Universum mit allem, was darin lebt, besteht und erscheint, ein
Stäubchen in der großen Wirklichkeit ist, in der Energie,
welche die Grundlage der göttlichen Offenbarung bildet. Diese
große Wirklichkeit ist unendlich. Unser Verstand kann mit dem
Begriff unendlich nichts anfangen. Verstand und Vorstellung sind
definitiv begrenzt. Das Wort Vorstellung sagt es schon. Sie müssen
es vor sich stellen können, es muss bestimmte Abmessungen
aufweisen, sonst ist es nicht vorstellbar. Weil der Verstand sich unter
unendlich nichts vorstellen kann, wird in gnostischen Texten
Unendlichkeit zuweilen als große Wirklichkeit umschrieben.
Über unserem Verstand liegt ein Schleier. Aber tief in unserem
Inneren, wo das Herz von der Kernstrahlung des Mikrokosmos berührt
wird, gibt es ein intuitives Wissen vom Mysterium der Unendlichkeit.
Für unseren Verstand ist es eine vage Vermutung, eine zögernde
Ahnung, aber im Herzen ist es eine Sicherheit, weil der Atem der
großen Wirklichkeit in unser Herz einströmt.
Zum besseren Verständnis wollen wir die kleine Wirklichkeit der
erscheinenden Materie als Ein-Prozent-Wirklichkeit bezeichnen. Dennoch
ist diese Wirklicheit so dominierend, dass es für die meisten
Menschen nichts anderes gibt. Sie umgibt uns von allen Seiten. Und was
unsere persönliche, individuelle Erscheinungsform betrifft, so sind
wir ein Teil von ihr. In dieser Ein-Prozent-Wirklichkeit leben wir mit
unseren Sorgen, Freundschaften und unserem Selbsterhaltungstrieb,
erfahren wir die Erleichterung, wenn wir in der stillen Natur sein
können, und den Stress des alltäglichen Lebens. Die
Ein-Prozent-Wirklichkeit nimmt uns voll in Anspruch, sie erscheint
übermächtig und ist doch nur ein winziges Stäubchen in
der großen Wirklichkeit, in der göttlichen Unendlichkeit
Nehmen wir ein Beispiel: Bei einer totalen Sonnenfinsternis schiebt sich
der Mond vor die Sonne, bedeckt sie vollkommen, und es wird ziemlich
dunkel. Die Masse der Sonne ist so groß, dass alle Planeten
siebenhundert Mal in sie hineinpassen würden. Der Mond umfasst
dagegen noch nicht einmal ein Zehntausendstel-Prozent der Sonne. Dennoch
kann er die Sonne unserem Blick vollständig entziehen. Die Sonne
selbst wird natürlich niemals wirklich verdunkelt und strahlt ihr
Licht weiterhin aus. Sie bleibt selbst absolut Licht. Es ist eine Frage
des Standpunktes. Von unserer irdischen Position aus gesehen, kann ein
minimales Stäubchen - wie der Mond - die Sonne, das Symbol der
großen Wirklichkeit, unsichtbar machen, sei es auch nur für
einen Moment. Ebenso bedeckt und verdunkelt die erscheinende
Wirklichkeit, nahezu ein Nichts, für uns die große,
göttliche Wirklichkeit, und zwar weil wir einen bestimmten
Standpunkt, eine Position, einnehmen. Die Gnosis nennt diese Position
»die Vergessenheit«. Die Folge dieser Vergessenheit ist
schließlich das auf das Ich konzentrierte Bewusstsein. Das ist ein
Aspekt der kleinen Wirklichkeit, der Ein-Prozent-Realität. [...]