Pentagramm 5/2006
Was ist Philosophie? - Im Menschen kann beides, Weisheit und
Verstand, vorhanden sein, denn der ursprüngliche Mensch war innig
mit der All-Weisheit verbunden. Das Verstandesvermögen des
ursprünglichen, dreifachen Geistmenschen konnte auf die
All-Weisheit reagieren - und wird es durch Transfiguration erneut
können. Daher stellt Jan van Rijckenborgh in dem Artikel:
"Wissen oder wahre Weisheit" fest: "Zwischen den Begriffen
"Wissen" und "Weisheit" besteht ein großer,
unüberbrückbarer Unterschied. Für den Sucher auf dem
spirituellen Pfad ist es wichtig, zu erkennen, dass göttliche
Weisheit niemals dasselbe ist wie das Wissen, das man sich durch Sammeln
von Intormationen aneignen kann." Die fünf Philosophen und
Denker, die wir uns in dieser Ausgabe vor Augen führen -
Krishnamurti, Zygmunt Bauman, Wittgenstein, Spinoza und Deleuze - kommen
- jeder auf seinem eigenen Weg zu der Schlussfolgerung, dass Wissen
nicht zur Weisheit führt. Sie lassen erkennen, dass Wissen nicht
per se das Leben verstehen lässt, dass Weisheit nur aus Erfahrung
entsteht und, was dem Menschen am meisten fehlt, "Liebe" ist,
die Liebe, die ihn zum Ausgangspunkt zurückführen kann.
Inhalt
- Erfahrung und Offenbarung - Weise durch Erleben
- Wittgenstein und die Religion
- Krishnamurti, Philosoph des Geistes
- Gott suchen bedeutet, den Menschen übersteigen
- Zygmunt Bauman und das Fundament der Liebe
- Die Einsamkeit der Seele und dfr Persönlichkeit
- Der Dramatiker Henrik Ibsen - Vorreiter einer neuen Zeit
- Wissen oder wahre Weisheit
Leseprobe
Krishnamurti fragt: Kann Ihr Geist aufhören, darüber
nachzudenken, was gewesen ist - und was noch kommen muss, was also
erwartet wird auf der Basis dessen, was gewesen ist? Kann Ihr Geist von
Gewohnheiten und vom Bilden der Gewohnheiten frei sein? Wenn Sie sich in
dieses Problem vertiefen, werden Sie entdecken, dass all dies
möglich ist.
Wenn der Geist sich erneuert und aufhört, neue Gewohnheiten zu
bilden, bleibt er frisch, jung und ist daher zu endloser Einsicht
fähig.Für einen solchen Geist gibt es keinen Tod, weil es
keinen Prozess des Kenntnissammelns mehr gibt. Denn Kenntnissammeln ist
die Ursache für Gewohnheiten, für Nachahmung. Den Geist, der
Kenntnis sammelt, erwartet Verfall und Tod. Aber für den Geist, der
nichts sammelt, der jeden Tag, jede Minute, stirbt, gibt es keinen Tod.
Er befindet sich im Zustand des endlosen Raumes.
Der Geist muss alles, was er gesammelt hat, loslassen: alle
Gewohnheiten, alles, worauf er sich verlassen hat, um sich geborgen
fühlen zu können. Dann ist er nicht mehr in das Netz seiner
eigenen Gedanken verstrickt. Durch das Loslassen der Vergangenheit von
Augenblick zu Augenblick wird er erfrischt. Dadurch kann er niemals
verfallen und niemals die Flutwelle der Finsternis in Bewegung bringen.
Das Außergewöhnliche an Krishnamurti, der selbst unmittelbar
aus dem Geist schöpfte, ist das, was Karl von Eckartshausen
über den Lichtmenschen sagte: Alles, was er spricht und unternimmt,
geschieht im Namen oder auf Grund der Eigenschaften des Feuers, des
Lichtes und des Geistes. Dadurch bringt er alles zum Amen, zur
Vollendung. Krishnamurti betrachtete Einsicht als wesentlichen Faktor
für die Befreiung des Geistes. Befreiung des Geistes mit einer
totalen Transformation und einer inneren Revolution sind bei ihm
Schlüsselbegriffe. Für ihn bedeutet Befreiung in erster Linie,
unser Problem der Freiheit richtig zu verstehen. Er sagt, dass Freiheit
eine Beschaffenheit des Geistes ist, die frei ist von Angst oder Zwang
und von jedem Drang nach Sicherheit. Die große Schwierigkeit dabei
ist unser Trieb, etwas oder jemand zu sein, einen Status zu besitzen.
"Es ist seltsam, zu sehen, wie die meisten Menschen auf
Anerkennung oder Lob aus sind: auf Anerkennung als Dichter, als
Philosoph, als etwas, was dem Ego Ansehen verschafft. Das eine oder
andere gibt zwar viel Genugtuung, ist jedoch sehr wenig bedeutsam.
Anerkennung ist Nahrung für die Eitelkeit und vielleicht auch
für den Geldbeutel - und was noch? Der Mensch sondert sich ab.
Abgeschiedenheit bringt jedoch ihre eigenen Probleme hervor, die stets
zunehmen. Es geht darum, frei zu sein sowohl von Erfolg als auch von
Misslingen. Hören wir hier nicht einen Spinoza des zwanzigsten
Jahrhunderts, der vielleicht noch konsequenter ist als sein
Vorgänger aus dem siebzehnten Jahrhundert?
Ob es nun in dieser Welt der Politik, Macht, Position und Gewalt ist
oder in der sogenannten spirituellen Welt: Wenn Sie danach streben,
rechtschaffen, selbstlos und fromm zu sein..., sobald Sie jemand
sein wollen, sind Sie nicht mehr frei. Sondern der Mann oder die Frau
ist frei, die erkennen, wie absurd das alles ist und die dadurch ein
reines Herz besitzen, das nicht mehr von dem Wunsch bewegt wird, jemand
zu sein. Wenn Sie diese Einfachheit verstehen, werden Sie auch deren
besondere Schönheit und ihren Tiefgang erkennen.
Eine solche Geistesbeschaffenheit nennt Krishnamurti einen ruhigen
Geist. Nur wenn Sie einen sehr ruhigen Geist besitzen, können
Sie wirklich etwas wahrnehmen, denn dann ist der Geist für
besondere Schönheit empfänglich. [...]