Pentagramm 6/2006

Penatgramm 6/2006 +

Der Mensch zwischen Geist und Natur - Als lebende Substanz ist Gott eins. Als Leben und Substanz ist Gott zweifach: Er-Sie, Vater-Mutter. Er ist Leben und sie ist Substanz; er ist Geist, sie ewige Ursubstanz, Natur, Ursubstanz, Geist, Natur.
Ursubstanz ist nicht der Stoff der Erde, sondern kosmischer Baustoff, unendlich viel leichter. Geist ist das
magische Agens, das allem, was lebt, Bewegung und Wachstum schenkt. Jeder ausdauernde Forscher erkennt das in einem bestimmten Moment sowohl im Kosmos, als auch im Mikrokosmos, dem Menschen. Wie oben, so unten.
Pentagramm bietet dem Leser in dieser Ausgabe einige Sichtweisen auf die Rolle des Menschen innerhalb der ewigen Wechselwirkung zwischen
Geist und Natur. Einzigartig ist, dass der Mensch beide wieder in vollkommene Harmonie bringen und eins werden lassen kann durch die neue, lebende Seele, die ein neues Geschöpf ist. So beweist der Mensch in sich die Dreiheit: den Sohn, Christus in uns.

Inhalt

  • Die Wasser des Nichtseins
  • Der Jüngling mit der Narbe
  • Chidr, der Grüne
  • Der Traum, der Unsterblichkeit...
  • Der Schrei, die Brücke und der Geist
  • Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren...
  • Das Geheimnis der Grossen Trommel

Leseprobe

"Werde wie Chidr", sagt der Weise zur suchenden Seele in einer Erzählung des Autors Suhrawardi, als sie ihn fragt, wie sie das Kettenhemd der Materie, der Bindung an die vergängliche Natur, ablegen kann.
Die Seele erfährt, dass das Ablegen dieses eisernen Mantels nicht ohne Pein geschehen kann. Erschüttert fragt sie: O, Meister! Was kann ich tun, damit jene Qual leicht für mich wird?"
Ereiche die Quelle des Leben. Gieße Wasser aus dieser Quelle über deinen Kopf, bis das Ket­tenhemd an deinem Körper (leicht) herabfällt und du vor dem Schlag des Schwertes sicher bist, denn jenes Wasser macht das Kettenhemd ganz fein, und wenn das Kettenhemd fein ist, ist der Schwertschlag leicht.
Meister, wo ist die Quelle des Lebens? In den Finsternissen. Wenn du nach ihr ver- langst, ziehe wie Chidr die richtigen Schuhe an, und schreite voran auf dem Weg der Hoffnung, bis du die Finsternisse erreichst.
Von welcher Seite aus beginnt der Weg?
Von jeder Seite aus, von der du kommst. Wenn du den Weg wirklich gehst, wirst du ihn ganz gewinnen.
Welches Kennzeichen haben die Finsternisse?
Dunkelheit. Aber du bist ja in den Finsternissen, du weißt es nur nicht. Wer diesen Weg geht, erkennt, wenn er sich selbst in der Finsternis sieht, dass er vorher auch in der Finsternis gewesen ist und nie das Licht gesehen hat.

Das also ist der erste Schritt des Pilgers. Von hier aus ist es möglich, dass er fortschreitet. Wenn nun jemand bis an diese Station gelangt, kann er weitergehen.
Wer nach der Quelle des Lebens verlangt, wird in der Finsternis oft verzweifeln und um­herirren. Wenn er der Quelle würdig ist, sieht er schließlich nach der Finsternis das Licht.
Wer die Quelle des Lebens findet und sich darin wäscht, wird also wie Chidr. Nur in einem kurzen Satz erwähnt Suhrawardi diese geheimnisvolle Gestalt, die in der islamischen Überlieferung eng mit der Quelle des Lebens verbunden ist. Chidr war und ist sowohl im volkstümlichen als auch im orthodoxen Islam und im Sufismus allgemein bekannt. Vom Wunderheiler und Segensbringer, dem an zahlreichen Heiligtümern in der islamischen Welt volkstümliche Verehrung zuteil wird, reicht die Skala seiner Bedeutung bis zu höchsten spiri­tuellen Deutungen.

Die Begegnung mit Chidr

In vielen sufischen Schriften werden Begegnungen mit Chidr beschrieben. Immer ist es eine einschneidende Erfahrung, die das Leben der Betroffenen verändert. Oft führt die Begegnung zu einer rigorosen Abkehr von allen Dingen dieser Welt. Es gibt aber auch Sufis, für die sie ein inneres Schlüsselerlebnis ist, ohne dass sich im äußerlichen Leben viel verändern muss. Manche sehen Chidr als Bruder, andere erleben ihn als ihren geistigen Vater. Für einige Sufis nimmt Chidr in einer stofflichen Inkarna­tion Gestalt an, die zu ihrem persönlichen Führer wird.
Man kann Chidr auch als geistiges Wesen und mikrokosmisch sehen, als inneren Geistmenschen, dessen neue Bewusstseinsflamme brennt. Gleichzeitig ist er kosmisch der geistige Führer der Menschheit. In seiner Rolle als innerer Führer wurde Chidr in der islamischenTradition mit einem namenlosen Diener Gottes identifiziert, der im Koran Mose durch drei Prüfungen führt. Der namenlose Diener, der göttliches Wissen besitzt, warnt ihn: Du wirst nicht fähig sein, mit mir durchzuhalten. Wie willst du denn etwas durchhalten, von dem du keine Kenntnis hast?
Er nimmt Mose mit unter der Bedingung, dass er ihm keine Fragen zu seinen Taten stellt. Selbstverständlich ereignen sich nun drei Vorfälle, in denen Mose das Handeln seines Führers so falsch und verwerflich erscheint, dass er nicht an sich halten kann und ihn zur Rede stellt. Mose, der Mann des Gesetzes, ist nicht fähig, die drei Ereignisse innerlich zu erfassen, zu verstehen. Er beurteilt sie mit den herkömmlichen Kriterien seines logischen Verstandes sowie seiner Moral, und daran scheitert er. Diese im Koran geschilderten Ereignisse führten in der sufischen Tradition zu einer Unterscheidung inchidrisches und mosaisches Wissen. Mose ist hier der Imam der Leute des Äußeren und Chidr der Besitzer wahrer Kenntnis - Gnosis (arab. ma'rifa). Er ist der Herr der Verborgenheit. Wisse, dass Chidr das Abbild des verborgenen Gottesnamens ist, und dass seine Stellung die Stellung des Geistes ist, erklärt der persische Sufi Abd ar-Razzäq.