Pentagramm 2/2007

Pentagramm 2007-2

Orpheus suchte im Reich des Hades nach Eurydike, seiner verlorenen Seele. Krishna steigt hinab in die tiefsten Sphären und errettet daraus als siebter Sohn seine sechs Brüder.
Von Jesus heißt es, dass er in das Reich Satans herabstieg, um die Seele Adams, das Sinnbild des Stofflichen Menschens, zu retten.
Ist das Reich Satans denn etwas anderes als unsere Stoffliche Welt?
EIn derartiges Hinabsteigen in das Reich der Finsternis und der Materie, um daraus als "Sonne der Glückseligkeit" zurückzukehren, ist der wichtigste Inhalt aller Einweihungsriten.
Es ist das Thema aller Geschichten über Orpheus und Herakles bis hin zu denen, über Krishna und Christus. Wie alt ist die Verheißung, dass der Mensch nicht nur sterblich ist, sondern seine Seele vom Tod retten kann? Aber verwirklicht er das?

Der Legende nach war Orpheus, der dem Sonnenwort Appollos neue Macht gab, indem er ihm durch die Mysterien der Dionysos - die Erweckung des Geistes - wieder Aktualität verlieh. In allen Mythen und Legenden wird der Sonnenlogos "ermordet", nachdem er das Wort gebracht und gepredigt hatte.
Aber immer wieder entsteht er erneut aus dem Tod auf und erklingt das Wort erneut.
Es ist das Lied des Orpheus, es sind die Klänge des Geistes, welche die Seele erwecken.
Wenn der Mensch ausharrt und sich auf seinem Weg empor nicht umblickt, ist das neue Leben ihm nah.

Inhalt

  • "morgen werde ich wach"
  • Dionysos - ein Impuls der Ewigkeit in der Zeit
  • ... war weder Stille noch Laut
  • Der Sturm des Dionysos und die Harmonie des Apoll
  • Orpheus - der Mythos
  • Der Gesang des Orpheus
  • Das orphische Weltenei
  • Friedrich Nietsche " Arzt der Kultur"
  • "die drei Schlüssel"

Leseprobe

Der Orphysmus ist eine Mysterienreligion, die auf die Mythen über den thrakischen Dichter und Sänger Orpheus zurückgreift. Im Zentrum dieser Religion steht der Glaube an eine unsterbliche, menschliche Seele. Sie kann dem Rad der Wiedergeburten in einem Körper entkommen, wenn sie sich der Bindungen an die Materie bewusst wird und sich davon reinigt. Diese Seele ist die Geliebte des Orpheus, Eurydike.

Apollo und Dionysos sind zwei Aspekte, zwei Söhne, der Urmutter und göttlichen Sonne. In allen Mythen und Legenden wird der Sonnenlogos, der sich durch einen Botschafter in der Materie ausdrückt, allegorisch "ermordet". Aber er ersteht aus dem Tod wieder auf. Der Legende nach gibt Orpheus dem Sonnenwort des Apollo neue Macht, indem er mit seinem begeisterndem Gesang dieses Wort erneut in die Zeit bringt, mit den Mysterien des Dionysos verbindet und es wieder aktiviert. Apollo symbolisiert die Macht und die Kraft des Geistes, Dionysos die dadurch hervorgerufene Begeisterung, Inspiration und Ekstase. Nachdem Orpheus das Wort erneut gebracht und gepredigt hat, ist sein letztes Opfer der Tod. Er wird von den thrakischen Frauen zerissen, oder - nach einer anderen Version - von den Titanen. Seine Gliedmaßen werden über die Erde verstreut. Sein Wesen durchdringt die Erde und jedes Atom wird vom göttlichen Lied des Orpheus berührt.

Nach der orphischen Überlieferung wurden die Titanen, als sie Orpheus zerissen hatten, zur Strafe durch einen Blitz des Zeus vernichtet. Der Mensch ist aus der Asche, den stofflichen Überresten der Titanen, entstanden, trägt jedoch ein göttliches, dionysisches Prinzip in sich. Durch diesen göttlichen Funken besitzt er eine unsterbliche Seele, Eurydike, die jedoch erst erlöst werden muss.

Eurydike wird von einer Schlange (Sinnbild für die Materie) gebissen, stirbt in ihrer eigenen Welt und muss nun in die Unterwelt, unsere Welt. Orpheus, der Botschafter des Geistes, wird vom Kummer übermannt und nähert sich Hades, dem Gott der Unterwelt und dessen Frau, Persephone. Er greift in die Saiten seiner Leier und singt ein herzzereissendes Lied über seine verlorene Liebe. Die Bewohner der Unterwelt sind zu Tränen gerührt. Es ist zwar noch niemandem gelungen, aber Orpheus ist davon überzeugt, dass sein Gesang Hades überzeugen kann. Hat der Gott der Liebe nicht auch Macht über das Totenreich? Und tatsächlich, von soviel Liebe gerührt, ruft Hades Eurydike aus den Nebeln hervor. Orpheus erhält die Erlaubnis, Eurydike wieder mit in die Oberwelt zu nehmen, aber unter der Bedingung, dass er sich auf seinem Weg nach Oben nicht umblicken darf. Geschicht das doch, dann ist - so heißt es in einer Überlieferung der Legende - Eurydike für ihn verloren. Eurydike geht hinter Orpheus her und ruft verzweifelt nach ihm, weil er sie nicht ansehen will. Ist seine Liebe für sie erloschen? Von Mitleid bewegt, vergisst er die Bedingung und versucht, seine Geliebte zu umarmen - und Eurydike verschwindet wieder in der Unterwelt, veschluckt von den Nebeln der Zeit und der Vergangenheit. Vergeblich fleht der gebrochene Sänger den Fährmann Charon an, ihn noch einmal über den Styx zu setzten, aber der ist unerbittlich: "Kein Lebender kann den Styx überqueren. Allein nur jene, die für das Schemenreich bestimmt sind, setze ich über."

Die Unterwelt ist unsere Welt, die Welt der schlafenden Seelen. In ihr bestimmen die Gesetze des Entstehens, Blühens und Vergehens den Lauf der Dinge. Darin wird wahre Liebe, die den Jahrhunderten trotz, nicht gefunden. Dennoch kann nur die wahre Liebe die Verzauberung durchbrechen und die schlafende Seele wecken. Im Mythos des Orpheus hatte Eurydike der Welt nachgegeben. Daher ist sie für Orpheus, den Sänger des Geistes, zunächst nicht mehr erreichbar. Nur durch bedingungsloseLiebe kann Orpheus sie aus der Welt der Schlafenden zurückholen, aber dann darf er nicht zweifeln und sich also nicht umblicken. Immer wieder kehrt Orpheus nach Thrakien zurück, wo er seine Liebe zum Geist besingt und nach Eurydike sucht. Wütend über seine Lieder zerreißen die Frauen Thrakiens oder die Titanen Orpheus und verstreuen seine Gliedmaßen über die Felder. Ewig weint die Erde um Orpheus. Ströme fließen über von ihren eigenen Tränen. Vögel, Tiere und Felsen weinen. Das Haupt des Orpheus und seine Leier treiben stromabwärts, bis sie das Meer ereichen und der Legende nach an die Küste von Lesbos getrieben werden. Für sein Haupt wurde ein Altar gebaut und seine Leier wurde als Sternbild in den Himmel aufgenommen. [...]