Pentagramm 4/2007
Es gibt keine maßgerechten, vorgefertigten Antworten auf die
Fragen eines lebendigen, wachsenden und sich entwickelnden Kindes. Wer
im Sinn des Lichtes für sein Kind etwas bedeuten will, wird das
Suchen im Zentrum seines Lebens stellen. Dadurch dass man selbst ein
Sucher ist, baut man eine Brücke für das Kind, das immer sucht
und lernt. Kenntnis, verbunden mit einer offenen, liebevollen und
erwartungsvollen Aufmerksamkeit, mit denen wir gemeinsam weitergehen
und... erneut suchen können.
Wenn es etwas gibt, was das Kind und der Jugendliche in dieser Welt
nötig haben, dann sind es Menschen, die in diesem Sinn ein Vorbild
sein können, die also ein Leben führen, in dem der Geist aktiv
ist und in dem das innere Leben zum Verwirklichen und Handeln
inspiriert.
Sowohl die Welt, dieser Natur, als auch die innere Welt, die
göttliche Natur, fungieren als niemals endende Schule. Aber mit dem
inneren Menschen ziehen wir über die Grenze. Diese Möglichkeit
für den jungen Menschen zugänglich und offen zu halten, ist
die wahre Aufgabe der Erzieher, wie das moderne Rosenkreuz sie
sieht.
Inhalt
- Zur Größe berufen
- 'Dass wir sehen, ob der Weinstock sprosse'
- Schaff Raum und öffne den Blick
- 'Ich muß jetzt etwas Tun'
- Den Traum lebendig bewahren
- Die Noverosa-Fahne
- Die Seele und die Naturkräfte
- Der Schöpfer bewegt das All
- Das Haus meines Vaters
- Zeit zum Leben
- Die Schule der Natur und die Schule Gottes
Leseprobe
Den Traum lebendig bewahren
In jedem Menschen lebt ein Traum. Der Volksmund sagt: "Träume
sind Schäume". Und für den größten Teil unserer
nächtlichen Träume ist es wohl auch so. Aber es gibt
Träume, die sich mehr im Hintergrund abspielen und eigentlich keine
"Schäume" sind. Ein solcher Traum gibt dem Leben eine
eigenartige Farbe, die eine besänftigende Wirkung hat und von der
eine Musik ausgeht, ein beinahe unhörbarer Klang mit einem
besonderen Rhythmus.
Solche Träume tragen noch die Unschuld der Kinderjahre in sich, die
vorübergingen und nicht mehr zurückkommen. Man könnte
sagen: Der Strom der Zeit hat sie ergriffen. Die Zeit ist wie ein Fluss,
der alles mit sich zieht. Und wir müssen mit. Jeden Tag werden wir
erneut von den Dingen und Ereignissen mitgezogen, sie lassen uns keine
Zeit!
Sie lassen uns keine Gelegenheit, zu verweilen, kurz aus der Zeit
hinauszutreten, um zu uns selbst zu kommen. Dennoch ist da unser Traum,
subtil im Hintergrund wie eine Wolke. Bei ihm geht es nicht um Zukunft,
um ein Auto, ein Haus, einen Partner. Solches würde den
ursprünglichen Traum nur stören, denn er ist tiefer,
wärmer, intimer.
Es geht bei ihm um etwas Unschuldiges, das nichts mit solchen Dingen zu
tun hat und nicht benannt werden kann, Es lebt in ihm ein verborgenes,
tiefes Verlangen, losgelöst von der Zeit.
Auf die eine oder andere Weise gibt dieser Traum jedoch allem, was in
der Zeit mit uns geschieht, allem, was wir erleben und allem, dem wir
begegnen, Farbe. Sinn und Leben. Wenn wir das nicht mehr empfinden,
bleibt uns nur noch die Zeit, das unerbittliche Weiterziehen dieses
Stromes, der alles mitnimmt und dem das Besondere gleichgültig ist.
Die Zeit nivelliert alles, verwandelt alles in "Vergangene
Zeit". Daher wurde sie in allen Jahrhunderten als Mann mit der Sense
dargestellt; nicht als Tod, sondern als einer, der alles erntet.
Auch die Sanduhr, die immer wieder umgedreht wird, ist ein Symbol
für die Zeit. Der Sand rieselt hindurch, unaufhörlich, in
ewiger Wiederholung, in ewigem Kommen und Gehen.
Man könnte auch sagen: Die Zeit fließ immer fort, stets weiter
und weiter. Wie halten wir das aus, das Suchen nach etwas Lebensraum und
Glück, wenn wir dann doch in dem gleichgültigen, grausamen
Strom der Zeit verschwinden? Hängt das mit dem eigenartigen,
beinahe unirdischen Traum zusammen, dem unbestimmten Verlangen, das in
uns wohnt?
Hat es mit dem Gefühl zu tun, dass wir eigentlich in der Zeit nicht
zu Hause sind, dass unser Ursprung und unser wahres Ich außerhalb
der Zeit liegen und wir mehr sind als ein "Produkt", das
aufwächst, sich entwickelt, um schließlich zu altern und
wieder zu verschwinden?
Frei werden vom Relativen
Aber wer ist dann dieser Andere, der wahre Mensch, von dem wir - wie in
einem Traum - unbewusst etwas wahrnehmen? In jeder Stunde, in jeder
Sekunde, wird der Strom der Zeit von der zeitlosen Ewigkeit
durchstrahlt, die Licht, Geist und Kraft ist!
Diese Ewigkeit trifft uns in der Stätte der großen Begegnung,
im Herzen. Dort gießt die Ewigkeit ihre Gaben in den Strom der
Zeit. Wenn wir uns dessen voll bewusst werden, dass wir selbst der Ort
dieser besonderen Begegnung sind, werden wir "erleuchtet". Unser
Bewusstsein wir klarer und es öffnet sich vor dem inneren Auge eine
weite Perspektive. Es ist eine Wahrnehmung weit außerhalb und
oberhalb der begrenzten materiellen Welt.
Wir erkennen, dass die Majestät des Ewigen alle Dinge im Herzen
trifft. Das Ewige begegnet allem, auch dem Menschen. Alles was lebt,
besitzt ein unmittelbares Verhältnis zum Ewigen. Untereinander ist
alles relativ, verhältnismäßig. Aber innerlich steht
alles wie eine einzige große Frage dem Ewigen und seiner Antwort
gegenüber.
Wer dies erfährt, bemüht sich um die Befreiung von Relativen.
Seine "Relation" bezieht sich auf Christus, das strahlende
Liebesherz Gottes. Er sucht dieses Zentrum in sich selbst zu erkennen,
nicht außerhalb von sich im Gebiet des Relativen. Sein inneres
Erkennen ist nicht an Zeit gebunden, es kann stets und in jeder
Lebenssituation stattfinden. Diese Betrachtungen sollen unser
Ausgangspunkt sein für die Erkundung der verschiedenen Lebensphasen
des Menschen. Wir gehen auf sie ein, um unsere verborgene Seite noch
besser kennen zu lernen.
In ihr finden wir die großen, spirituellen Möglichkeiten, die
das Ewige uns bietet. Anders gesagt: in der Rose, die im Herzen des
Kreuzes blüht, wo sich Zeit und Ewigkeit begegnen, sich kreuzen und
das Seelenbewusstsein erwacht.
Das alles entwickelt sich nicht in der Unruhe und Relativität der
Welt sondern in der Ruhe, der Stille, dem Frieden des erleuchteten
Herzens desjenigen, der sich harmonisch hierfür öffnet. Dabei
erkennen wir, dass jede Lebensphase neue Möglichkeiten und
Perspektiven eröffnet. Stets werden spirituelle Kräfte frei,
mit denen für die eigene Entwicklung und die unserer
Mitgeschöpfe gearbeitet werden kann. In diesem Licht betrachtet,
ist jeder Mensch in jedem Moment, in dem er sich für den Strom des
Ewigen öffnet, ein Schüler der universellen Lehre. Jede
Lebensphase ist dazu geeignet.
Er lernt, wie das Ewige seine Linien in der Zeit zieht und passt sich
ihnen spontan an. Wie geschieht das? Jan van Rijckenborgh schreibt
darüber: "Indem er Kenntnis über die Gesetze sammelt, die
in Gottes großen Schöpfung herrschen, Kenntnis über das
Wachstum alles dessen, was der Begriff Kind umfasst. Also Kenntnis
über seine Verbindung mit den höheren Welten und gleichzeitig
auch Kenntnis über die gesamte Menschheit und... über sich
selbst. Erziehung und Selbsterziehung gehen also Hand in Hand."
Eltern und Lehrkräfte sollten dies als Rahmenbedingungen für
die Erziehung anwenden. Nicht mit erzwungenem Gehorsam, sondern durch
Leitung des Kindes von innen her und durch das eigene - innere und
äußere - Vorbild. Wenn keine Kenntnis der
Gesetzmäßigkeit hinter unserem Dasein vorhanden ist oder der
göttliche Plan geleugnet wird, werden die latenten geistigen
Kräfte im Kind gestört und gehemmt.
Seine innere Entfaltung leidet dann Schaden. Wer wirklich Erzieher sein
will, muss zuerst selbst die Notwendigkeit einer Lebensveränderung
einsehen. Erst dann kann er das Kind erziehen und ihm helfen, die innere
Kraft zu entwickeln, durch die es in der verwirrenden Welt in sich
selbst und um sich herum seinen Weg finden kann.