Pentagramm 2007/6
Überall dringt das Bewusstsein durch, dass sich etwas
verändern muss - vor allem im Menschen. Diese Botschaft haben die
Gründer des Lectorium Rosicrucianum ihr ganzes Leben lang
ausgetragen. Sie wird auch in dem Artikel von Annick Witt mit dem Titel
"Innerer Klimawandel" vortrefflich illustriert, den wir für
diese Nummer des Pentagramm übernehmen durften. Es ist durchaus
möglich, die uralte gnostische Botschaft von den zwei
Naturordnungen - der irdischen und der göttlichen Wirklichkeit -
auf eine für unsere Zeit passende Weise in das Rampenlicht der
Öffentlichkeit zu stellen. Der Beitrag "Das spirituelle Haus
der Zukunft" soll zeigen, wie wir als moderne Geistesschule
versuchen, dieser inneren Veränderung eine Struktur zu geben.
Inhalt
- Das spirituelle Haus der Zukunft
- Es ist Zeit für einen inneren Klimawandel
- Valentinu's Leben
- Der Schöpfungsmythos des Valentinus
- Das reine Herz
- Das Pleroma nach Valentinus
- Leben oder gelebt werden
- Gott und die DNA - Gott in der DNA?
- Die Schöpfung der Sophia
Leseprobe
Wie komplex der Mensch auch ist, er kann mit zwei einfachen Worten
charakterisiert werden: Innen und Außen. Der Schnittpunkt dieser
beiden Gegensätze ist das, was wir eine Person, ein "Ich"
nennen.
Bis zu welchem Grad? Wir sprachen im Zusammenhang mit den
verschiedenen Lebenswellen Mineral, Pflanze und Tier über das
Erwachsenwerden, das Erlangen der Reife. Die Reife, die wir beim
Menschen meinen, hört nicht bei der Vollendung der Naturgestalt
auf. sondern fordert von ihm eine Einsicht, die über das
Animalische hinausgeht
Sie kann ihn in ein Grenzgebiet, ein Übergangsgebiet zu einem
höheren Ausdruck des Lebens führen. Ein Mensch, der sich der
wahren Reife nähert, wird erfahren, dass seine Fähigkeiten
einerseits nicht weiter reichen, als bis zu dieser Grenze und
andererseits eine Wirklichkeit in ihm lebt, eine "achte Ebene",
die diese Grenze überschreitet. Diese Wirklichkeit steht
augenscheinlich "vertikal" auf unserer Natur.
Gleichwohl ruft sie ein Wiedererkennen auf, einen Schimmer der solange
vermuteten und gesuchten Unsterblichkeit. Das hiervon berührte
Bewusstsein kann unmittelbar eine Umkehr herbeiführen. Durch eine
neue Ausrichtung wird es licht in uns, entsteht in unserem Wesen etwas
total Neues und erwacht in unserem Herzen der Kristall, der nicht von
dieser Welt ist. Von dort aus öffnet sich die Sicht auf das ewig
Seiende.
Die uralten, universellen Lehren sagen, dass unsere Welt siebenfach ist.
Das gilt auch für den Menschen und seine Wechselbeziehung zur
Welt. Auf jeder Ebene seines Naturwesens - von den gröbsten
bis zu den feinsten Aspekten - wird fast unaufhörlich etwas
aufgenommen oder abgegeben.
Zwei einfache Parameter, innen und außen, stehen für ein
breites Spektrum von Bedürfnissen, Qualitäten,
Fertigkeiten und Möglichkeiten. Es dringt sehr viel nach innen,
wird verarbeitet, assimiliert, transformiert - und wieder in die engere
oder weitere Umgebung abgegeben. Feste und flüssige Nahrung wird
aufgenommen und in Stoffe umgesetzt, die für Wachstum,
Erhaltung und Wiederherstellung nötig sind. Der Rest wird
abgeführt. Luft wird eingeatmet, der darin enthaltene Sauerstoff
vom Blut aufgenommen und die Kohlensäure wieder ausgeatmet.
Eindrücke erwecken Gedanken, die ihrerseits einen geeigneten
Nährboden suchen und sich dann in einem Entschluss, einem Wort,
einer Tat äußern. Einflüsse von Menschen.Tieren.
Pflanzen, von Jahreszeiten, vom Mond, von Sternen und Planeten
dringen nahezu ungehindert in uns ein und bestimmen unsere
Verhaltensmuster mit. Vibrationen und Strahlungen ändern unsere
Stimmung, ohne dass wir deren genaue Mechanismen erkennen.
Ist unser Naturwesen eine Transformationsstation? Oder ein willenloser
Mittler aller Kräfte und Einflüsse, die uns erreichen?
Auf den ersten Blick gibt es nur sehr begrenzt eine Kontrolle dieser
Ein- und Ausströmungen. Auf den materiellen Vorgang, das Essen und
Trinken, kann
man achten. Beim Hören und Sehen wird es schon schwieriger. Sehen
ist noch nicht Wahrnehmen und Hören ist noch nicht Lauschen. Die
Kontrolle von Empfindungen wie kalt und warm, nass und trocken, hart und
weich ist ebenfalls kaum möglich.Jedoch mit dem Gehirn als
Input-Kanal beginnt die wirkliche Arbeit: Einfall, Einbildung,
Eindruck. Information - und so weiter. Welche Filter oder Siebe
können wir dafür einsetzen? Höchstens Aufmerksamkeit
für die Umweit, in der wir uns bewegen, Auswahl der Literatur, die
wir lesen und der Menschen, mit denen wir umgehen - soweit uns dabei
eine eigene Wahl möglich ist. Noch viel schwieriger ist es, wenn
wir an die Beschirmung unserer feineren Zugangspforten denken, zum
Beispiel an das Chakra-System, die Berührungen und Bewegungen
unseres Herzens oder an die ätherisch-astrale Beeinflussung. Bei
dieser ganzen Einfluss-Skala neigen wir dazu, nur auf die stoffliche
Seite zu achten. Können wir tiefer schauen? Innen und außen -
wo bin ich selbst? Gleiche ich einer Pflanze, die Feuchtigkeit, Licht
und Minerale aufnimmt, eine Blüte hervorbringt und dann verwelkt
und zur Nahrung für die Nachkommenden wird?
Das scheint eine akademische Frage zu sein, aber so unsinnig ist es
nicht, diese Prozesse bei einer Pflanze näher zu betrachten. Wir
können davon ausgehen, dass Minerale, Pflanzen,Tiere und
Menschen vier Entwicklungsstadien im Naturfeld widerspiegeln. Dieses
Entwicklungsfeld hängt eng mit dem Universum zusammen. Es ist
geordnet, zielgerecht und keine zufallige Anhäufung von
Umständen. In dieser ganzen Entwicklung können wir -
jedenfalls auf den ersten Blick - den Beitrag einer einsamen Pflanze und
ihrer Blüte vergessen. Betrachten wir jedoch das Phänomen
"Pflanze" als Vertreter des Pflanzenreiches, dann sieht es
anders aus.
Für unsere Betrachtung ist nur die Erscheinung "Pflanze"
wichtig; sie besitzt unzahlige Gestalten. Angesichts all dieser
individuellen Erscheinungsformen unterstellt man eine Evolution
des Pflanzenreiches bis hin zu sich frei bewegenden Pflanzen und von
dort zum Tierreich. Ist der Mensch aus den Tieren entstanden? Seine
augenblickliche Form hat er ihnen vielleicht zu verdanken, nicht jedoch
sein Wesen, das im Prinzip göttlich und übernatürlich
ist. Sein geistiger Kern kommt weder aus den Tieren oder Pflanzen, noch
aus den Mineralen hervor. Er stammt aus der fundamentalen Natur und
immer noch sind die höchsten Ansichten des Geistes im
natürlichen Menschen wirksam. In seiner Naturgestalt ist viel vom
Tier, von der Pflanze und vom Mineral zu finden. Aber was ihn zum
Menschen macht, ist der Glanz des Geistes, der einst ein bewusster Teil
von ihm war. War? In der Tat.
Die Idylle ist zerstört. In den niederen Naturreichen
rührt das Innen und Außen zum Wachstum und einer relativen
Reife innerhalb der vorgegebenen Begrenzungen. Aber beim Menschen
wird das innere Wachstum durch eine Instabilität des Innen- und
Außenrhythmus oft verhindert. Und das geschieht, obwohl in ihn von
Natur aus ein selbstregelnder Mechanismus hineingelegt wurde, der am
Anfang vollkommen im Dienst des Aufbaus und der eigenen Entwicklung
stand. Auch unsere Pflanze drängt sich selbst durch Aufnahme
der nötigen Elemente aus der Umgebung zur Reife und Vollkommenheit.
Aber wenn das erreicht ist, folgt im Pflanzenleben eine neue Phase: Das
"Mittelpunktsuchende" wird zum
"Mittelpunktfliehenden". Die aufgenommenen Stoffe und
Energien werden an den natürlichen Kreislauf zurückgegeben,
und zwar als Düfte. Schönheit und Elemente zur Instandhaltung
der eigenen Art und jener der höheren Lebensformen. Der Mensch
weicht hiervon ab. Mit Verstand begabt, kam er schon in einem
frühen Stadium auf die Idee, das Eine oder Andere dieses Prozesses
zu seinem Vorteil zu lenken, entsprechend den Normen seines jeweiligen
Bewusstseins. Er kultiviert das "Innen", das
Mittelpunktsuchende, bis zu äußerst verfeinerten Formen, genau
wie es auch bei der Pflanze geschieht. Aber damit hört der
Vergleich auf! Wo wir analog zur Pflanze die Reife oder auch den Beginn
der "mittelpunktfliehenden" Phase erwarten würden,
entwickelt sich eine starke Neigung, das Resultat der ganzen Aufnahme
als neues Kapital und Investition noch mehr im "Innen" zu
nutzen.
Er legt es nicht mehr in materiellem Besitz an, sondern in
"höheren", immateriellen Werten wie Macht, Ehre und
Komfort. Sie werden zusammen mit Gesundheit allgemein für
"Glück" gehalten. Bis zu einem gewissen Grad mag dies auch
zutreffen.
Bis zu welchem Grad? Wir sprachen im Zusammenhang mit den
verschiedenen Lebenswellen Mineral, Pflanze und Tier über das
Erwachsenwerden, das Erlangen der Reife. Die Reife, die wir beim
Menschen meinen, hört nicht bei der Vollendung der Naturgestalt
auf. sondern fordert von ihm eine Einsicht, die über das
Animalische hinausgeht
Sie kann ihn in ein Grenzgebiet, ein Übergangsgebiet zu einem
höheren Ausdruck des Lebens führen. Ein Mensch, der sich der
wahren Reife nähert, wird erfahren, dass seine Fähigkeiten
einerseits nicht weiter reichen, als bis zu dieser Grenze und
andererseits eine Wirklichkeit in ihm lebt, eine "achte Ebene",
die diese Grenze überschreitet. Diese Wirklichkeit steht
augenscheinlich "vertikal" auf unserer Natur.
Gleichwohl ruft sie ein Wiedererkennen auf, einen Schimmer der solange
vermuteten und gesuchten Unsterblichkeit. Das hiervon berührte
Bewusst-sein kann unmittelbar eine Umkehr herbeiführen. Durch eine
neue Ausrichtung wird es licht in uns, entsteht in unserem Wesen etwas
total Neues und erwacht in unserem Herzen der Kristall, der nicht von
dieser Welt ist. Von dort aus öffnet sich die Sicht auf das ewig
Seiende.
Behutsam und Strahl für Strahl öffnet das Licht seine Quellen
im gleichen Maß, wie der Mensch, der das Licht sucht, es ertragen
kann. "Ist der Schüler bereit, ist der Meister nicht weit."
In dem Maß, wie Einsicht undVerlangen des alten Menschen es
zulassen, baut das Licht am neuen Menschen, einmal zerbrechend und
Hindernisse beseitigend, dann wieder aufbauend und erneuernd. Das
auf sich selbst gerichtete Innen und Außen wandelt sich zu einem
uneigennützigen, aber doch freudevollen Geben. Es ist ganz
anders als das, was wir in unserer alltäglichen Innen- und
Außendualität gewöhnt sind. Dieses Geben ist ein
Teilhaben an einem Ganzen, es bedeutet, Teil einer Totalität zu
sein. "Gebt, so wird euch gegeben." (Luk. 6/38) Es ist die
Einladung des wachsenden Reiches in uns. Dieser Einladung zu
folgen, ist das wahre Glück. Der Mensch, der die Quintessenz des
Menschseins erreicht hat. kennt seinen Ursprung, durchlebt die Materie
und findet seinen Platz und seine wahre Bestimmung als Individuum. Er
ist der lebende Exponent der Menschheit, der Diener, der für den
Anderen das Haus vorbereitet und darin ein Licht anzündet, das
allen leuchtet, die sich dem Haus nähern.