Pentagramm 2008/1
Alle, die uns wieder mit dem großen Licht verbinden wollen, aus
dem wir einst kamen, sprechen die Sprache der Seele. Es ist die Sprache,
die die Erleuchteten auch in der Poesie und in der Musik verwenden. Es
wird gesagt, dass die Kinder des Lichtes am Ende der Tage ein
vollkommenes Musikstück vor ihrem Schöpfer spielen werden.
Alle Themen werden dann auf die rechte Weise zu Gehör gebracht. Und
in dem Augenblick, in dem sie erklingen, wird eine vollkommene Harmonie
entstehen, weil alle die Absichten des Lichtes vollkommen verstanden
haben und jeder die Aufgabe der anderen von Herzen erkennt, so wie er
selbst erkannt wird.
Inhalt
- Die arabische Gnosis in drei Erzählungen von Suhrawardi
- Was ändert sich?
- Die Schöpfung als Spiegel
- Der Sphärengesang der Musik
- Wahre Tugend entsteht von selbst
- Das Buch der Reinheit
- Das Mysterium des Herzens
Leseprobe
DIE UNVOLLKOMMENHEIT DER MENSCHLICHEN NATUR
In dem Offenbarungsprozess der Musik gibt es aber noch weitere
Unvollkommenheiten. Wir denken hier vor allem an den Menschen selbst,
der in seinem so mangelhaften Zustand versucht, der Musik Ausdruck zu
verleihen. Bereits bei der Geburt eines Menschenkindes sieht man
sehr oft Verhältnisse, die alles andere als optimal sind.
Manchmal hat man den Eindruck, dass ein Mensch gerade durch kaum
überwindbare, gegebene Schwierigkeiten später über
das Elementar-Horizontale hinauswachsen kann. Eine skurrile, kleine
Begebenheit illustriert das: "An einer Universität
erzählte ein Professor seinen Studenten folgenden Fall und
bat sie um ihre Stellungnahme: ,Nehmen Sie an, Sie sollten eine
Familieberaten, in welcher der Vater alkoholkrank und die Mutter an
Tuberkulose erkrankt ist. Diese beiden haben bereits vier Kinder, von
denen das erste blind, das zweite gestorben, das dritte taub und das
vierte wie die Mutter tuberkulosekrank ist. Die Mutter ist wiederum
schwanger mit dem fünften Kind. Was würden Sie raten?' Die
meisten Studenten vertraten natürlich die moderne Auffassung, dass
die Mutter eine Abtreibung vornehmen lassen sollte. Daraufhin entgegnete
der Professor unwirsch: ,In diesem Fall muss ich Ihnen sagen, dass Sie
soeben Beethoven ermordet haben! Die aufgezählten
Geburtskonditionen waren genau diejenigen des Komponisten.'
MUSIK ALS WERKZEUG FÜR DIE SEELE
In dem Umfeld kleinerer und größerer Egomanen soll nun die
Musik sich in dem Seelen-Resonanzkörper der Menschen
etablieren können? Wer sitzt in einem Orchester? Der berühmte
amerikanische Dirigent, Leonard Bernstein, antwortete auf
die Frage: "Welches Instrument in einem Orchester ist am
schwierigsten zu spielen?" gleichzeitig durchdacht und provozierend:
"Die zweite Geige!" Können die Impulse, welche die Musik
ihnen geben sollte, eine andere Ausrichtung verursachen? Zahllos
sind die Zeugnisse, dass die Musik ihren Weg fand und findet. Das
große und so vielgestaltige Feld der Folklore ist ein weltweites
Musikmedium, das immer wieder und überall in seinen
ursprünglichen Formen erstaunliche Resultate zeigt. Meistens ist es
einfache Musik, die sofort verstanden wird und das ganze Spektrum
menschlicher Gefühlsregungen abdeckt. Zusammen mit Tanz und
Bewegungsfiguren erhalten vor allem religiöse Gefühle
und die der Liebe Ausdrucksmöglichkeiten. Gut erkennt man daran,
wie der Mensch sie für seine seelischen Entwicklungen
benutzen kann und muss. Wann immer dem Menschen ein Aspekt der Wahrheit
offenbart werden soll, müsste dieser eigentlich ins Musikalische
erhoben werden. In religiösen Überlieferungen wird die immense
Bedeutung gesungener Musik unmissverständlich dargelegt. Da sind
die dreizehn Reuegesänge der Pistis Sophia; die Manichäer
erzählten vom Lied der Perle; in Psalm 33 heißt es:
"Singet dem Herrn ein neues Lied". Und der junge Jakob
Böhme schreibt in seinem Erstling, dem Geniestreich
"Aurora": "Auch du gehörst zu dem Reigen der Engel. So
lies das Liedchen mit Lust, dann wird der Heilige Geist in dir erweckt
werden." Im Allgemeinen neigt man dazu, bei klassischer Musik ein
suchendes, strebendes Element vorauszusetzen. Aber auch in Rock-
und Popmusik können solche Impulse durchdringen. Gut in
Erinnerung bleibt etwa ein Lied, das Anfang der 80er Jahre
während vieler Monate ganz oben in der deutschen Hitparadenliste
stand: "Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle
Jahre überstehn. Sieben Mal wirst du wie Asche sein,aber einmalauch
der helle Schein." Ob der Texter, der Sänger und die
Zuhörer wohl genau wussten, was diese vier Zeilen eigentlich
aussagen?
MUSIK KREIEREN
Unzählbar sind die musikalischen Inspirationen, die im Kern den
Impuls zu einer Erhebung, zu einem Entsteigen in sich tragen. Es ist
interessant, dass in Japan in vielen Kreisen die Musik Beethovens als
musikalischer Ausdruck eines westlichen Zen-Meisters betrachtet
wird. Beethoven selbst sagte: "Das fest verschlossene Samenkorn
bedarf des feuchten, elektrisch warmen Bodens, um zu treiben.
Musik ist der elektrische Boden, in dem das Geistkorn lebt. Jede echte
Erzeugung von Kunst ist mächtiger als der Künstler selbst, und
kehrt durch ihre Offenbarung zum Göttlichen zurück. Sie ist
nur in dem Sinne mit dem Menschen verbunden, dass sie Zeugnis abgibt von
der Resonanz des Göttlichen in ihm. Alles Elektrische regt den
Geist '. zu musikalischer, ausströmender Erzeugung an.
"Wenn Musik entsteht, spricht man gern von einem 'musikalischen
Einfall'.
Das ist geradezu ein perfekter Ausdruck für einen genuinen
Schöpfungsprozess: Auf dem Weg der Inspiration fällt dem
Komponisten oder Improvisator buchstäblich ein musikalisches Thema
in sein Bewusstsein ein. Die Aufgabe ist nun, in ihm und in einer
möglichen Zuhörergemeinde Resonanz zu erzeugen und zu
verarbeiten. Ein idealer Ausdruck dieses fortschreitenden
Prozesses sind die zahlreichen Musikwerke in Form von Variationen.
Gerade in reiferer Schaffensperiode haben viele Komponisten diese
Satzform angewandt. Einige Zitate von Musikern selbst illustrieren das.
Georg Friedrich Händel entgegnete nach der ersten Londoner
Aufführung seines einmaligen Messias einer schwärmerisch
lobenden Persönlichkeit: "Es täte mir leid, Mylord, wenn
ich den Menschen Vergnügen bereitete. Mein Ziel ist es, sie
zu bessern." Leonard Bernstein meinte, "dass die Menschheit noch
zu retten sei, wenn es gelänge, Beethoven richtig zu hören,
und dass Haydns Oratorium ,Die Schöpfung', richtig gehört,
einen Beitrag zum Erhalt der bedrohten Schöpfung darstellen
könne. "Hier muss man betonen: wenn sie richtig
gehört würden. Jedoch richtig hören oder im
richtigen Zustand hören würde einen umfassenden
Vorbereitungsprozess erfordern. Und so bleiben die eindrücklichen
Worte leider eine Illusion. Es geht dabei auch nicht ausschließlich
um Musik. Es geht um das generelle Niveau der menschlichen
Lebenswoge, die sich natürlich auch in der Musikwelt widerspiegelt.
Ein moderner Komponist, Hanns Eisler, meinte: "Wer nur von Musik
etwas versteht, versteht auch davon nichts."
Richard Wagner hat das Problem in einem schillernden Zitat ganz
auf den Punkt gebracht. Er schrieb: "An eine Aufführung meiner
Musik kann ich erst nach einer Revolution denken. Erst diese wird
mir fähige Künstler und aufgeschlossene Zuhörer bringen.
Aus den Trümmern der Revolution rufe ich zusammen, was ich
brauche. Ich bin weder Republikaner, noch Demokrat, noch Sozialist, noch
Kommunist. Es muss nur durch die Zerstörung des Alten das Neue
erschaffen werden. Wenn die Musik nicht dazu bestimmt ist, zu
erneuern, dann ist sie nicht viel wert.