Pentagramm 2008/6
In dieser Ausgabe des Pentagramm lenken wir die Aufmerksamkeit auf den
großen Unterschied zwischen Sein und Bestehen, zwischen Innerlich
und Äußerlich, Verfall und Transmutation, Fest und
Flüchtig, Wahrheit und Irrtum. Das Evangelium der Wahrheit, das
liebevolle Gesetz der Karma-Nemesis und die reine Alchemie des Geistes
führen zur Verheißung und Essenz des Mensch-Seins: zur
Transfiguration, der Entstehung des Geist-Menschen. Niemand kann etwas
wahrnehmen, das unvergänglich ist, ohne selbst unvergänglich
zu werden, heißt es im Evangelium nach Philippus.
'Es ist mit der Wahrheit nicht so wie auf der Welt, wo der Mensch
die Sonne sieht, ohne selbst Sonne zu sein, wo er den Himmel sieht und
die Erde und alles Übrige, ohne selbst Himmel, Erde und dergleichen
zu sein. Sondern im Reich der Wahrheit siehst du etwas von ihr und wirst
selbst zu ihr. Du siehst den Geist und wirst selbst zu Geist. Du siehst
Christus: Du wirst zu Christus. Du siehst den Vater: Du wirst selbst zum
Vater. Hier auf dieser Welt also siehst du alle Dinge, siehst aber dich
selbst nicht. In der anderen Welt jedoch siehst du dich selbst. Denn was
du dort siehst, das wirst du selbst.'
Inhalt
- Das Evangelium der Wahrheit
- Glücklich der Mensch, der zurückkehr und zu sich selbst erwacht
- Aus den Sommerwochen 2008 in Europa: Eine Besinnung auf das äußere und innere Klima, vorgetragen in Edshult, Schweden; - Abendansprache im Konferenzort Noverosa, Doornspijk, Niederlande; - Eindrücke von der Konferenz der Gruppe junger Schüler in "La Nuova Arca", Dovadola, Italien
- Feuer und Wasser in der Alchemie
- Einige Gedanken zum Begriff Alchemie
- Das liebevolle Gesetz Karma-Nemesis
Leseprobe
Das Evangelium der Wahrheit
Als Verstandesmenschen erkennen wir mit unseren Sinnen die Welt. Die
Dinge und Menschen werden uns zu Objekten, denen wir als Subjekt
gegenüberstehen. Der Gnostiker aber entwickelt ein besonderes
Bewusstsein und Sein, ein neues Wahrnehmungsorgan, durch das er eins mit
Dingen und Menschen wird. Die Trennung zwischen ihm und der Welt,
zwischen ihm und Gott, fällt weg, und er erkennt die Wesen oder
Gott, das Unvergängliche, in sich, weil er selbst zu diesen Wesen
oder dem Unvergänglichen geworden ist.
Er verwandelt sich sozusagen in die Dinge und Wesen. Sie werden er
selbst. Es gibt
keine Objekte mehr für ihn, sondern nur noch ihn als alle
Dinge und Wesen unifassendes Subjekt. Gnosis ist direkte, spirituelle
Erfahrung. Wenn man "Gnosis" so versteht, dann ist klar, dass
die Stifter der spirituellen Religionen und Mysterienschulen aller
Zeiten "Kenntnisträger", Gnostiker waren. Denn sie alle
lebten aus dieser Erfahrung der Einheit mit Gott und allen Dingen.
Wie sagte zum Beispiel Jesus? Ich und der Vater - der göttliche
Urgrund - sind eins.
Oder Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen
Wort - das heißt nur durch unsere Sinne, wodurch uns die Dinge als
rätselhafte Objekte erscheinen -, dann aber von Angesicht zu
Angesicht - unmittelbar, eins geworden, Auge in Auge mit den
Dingen und Wesen.
Oder der Buddha: Was ich in meiner Betrachtung schaue, ist Wahrheit. Was
ich mit Hingebung übe, ist Wahrheit, und der Gegenstand meiner Rede
ist Wahrheit. Denn siehe, ich selbst bin die Wahrheit geworden.
Und der Hinduismus behauptet: Tat twam asi - Das bist du selbst. Alles,
was du um dich herum als Objekt siehst, bist du in Wirklichkeit selbst.
Nur kannst du das mit deinem jetzigen Bewusstsein und Sein nicht
erkennen.
Neben diesem allgemeinen, umfassenden Begriff Gnosis gibt es auch einen
spezielleren. Mit Gnosis im engeren Sinn pflegt man eine Religion oder
Philosophie zu bezeichnen, die gleichzeitig mit dem Christentum auftrat
und in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung ihre
Blütezeiterlebte. Große Namen dieser Strömung sind
Valentinus, Basilides oder Mani. Aus dieser historischen Gnosis im
engeren Sinn stammen die gnostischen Schriften, die man 1945 in Nag
Hammadi in Oberägypten gefunden hat. Zu ihnen gehört auch das
Evangelium der Wahrheit. Es dürfte so etwa Mitte des 2.
Jahrhunderts entstanden sein. Die frühe Kirche, dogmatisch
geworden, hatte die gnostischen Schriften als Häresie und Ketzerei
eingestuft und nicht ins Neue Testament aufgenommen.
Für sie war und ist die historische Gnosis überhaupt eine
Häresie. Aber wenn man das ursprüngliche Christentum mit
Jesus als seinem Stifter betrachtet, erkennt man, dass es, genau
wie die zeitgleiche historische Gnosis, auch selbst Gnosis im
allgemeinen Sinn, also spirituelle Erfahrung ist. Es gibt keinen
wesentlichen inhaltlichen Unterschied zwischen dem spirituellen
Christentum und der historischen Gnosis - höchstens einen
Unterschied in den Symbolen. Jesus war, so gesehen, ebenso ein
Gnostiker wie Valentinus oder Mani. Und Valentinus und Mani waren
ebensolche spirituellen Christen wie Jesus, Paulus oder Johannes.
Die bis heute fortdauernde Feindschaft des traditionellen
Christentums sowohl gegen die historische als auch gegen die allgemeine
Gnosis entstand erst, als es seine spirituellen, von Jesus gelegten
Grundlagen vergaß und dogmatisch wurde. Doch diese
inhaltliche Identität bestätigt sich immer wieder, wenn man
die Dokumente des ursprünglichen Christentums mit denen der Gnosis.
etwa dem Evangelium der Wahrheit, vergleicht. Valentinus, einer der
bekanntesten Gnostiker und vermutlich Verfasser des Evangeliums der
Wahrheit, wurde etwa im Jahr 110 in Ägypten geboren. Ab 150 hielt
er sich in Rom auf, wo er fast zum Bischof der römischen
Christengemeinde gewählt worden wäre. Man unterschied damals
also noch nicht zwischen Gnostikern und Christen. Man erkennt
außerdem, dass in den frühen christlichen Gemeinden Freiheit
herrschte. Sie wählten ihre Bischöfe selbst, kein Papst setzte
sie von oben her ein.Valentinus ging dann wieder nach Ägypten, wo
er eine eigene philosophisch-religiöse Schule aufbaute und ca. 170
starb. Seine Erkenntnisse über Weltentstehung und Entwicklung der
Menschheit sind uns überliefert, außerdem einige Fragmente aus
seinen Briefen und Ansprachen sowie das mit großer
Wahrscheinlichkeit von ihm stammende Evangelium der Wahrheit.
Die Aussage eines Kirchenvaters über ihn lautet: Valentinus
nämlich behauptet, er habe einen ganz jungen Knaben gesehen. Er
fragte ihn, wer er sei. Der aber gab zur Antwort, er sei das ,Wort'.
Hier zeigt sich wieder die besondere Art der Erkenntnis, welche die
Gnostiker auszeichnet. Es sind innere Erfahrungen, mit einem
spirituellen Erkenntnisorgan gewonnen.Valentinus sieht in seinem Innern,
wie in einer Vision, einen jungen Knaben, ein Kind. Der ganz Andere, der
spirituelle Mensch im Gegensatz zum irdischen, das ewige göttliche
Wort, Licht, Leben,Weisheit, wird in ihm bemerkbar. Dieses Wort ist noch
klein wie ein Kind. Das heißt,Valentinus erlebt seine eigene
spirituelle Identität, sein wahres Wesen, noch ganz unentfaltet.
Aber es ist unkonditioniert und entwicklungsfähig wie ein Kind:
ohne Vorurteile, ohne Misstrauen, ohne starre Meinungen.
So versinnbildlicht Valentinus den ersten verheißungsvollen
Durchbruch der göttlichen Welt in sein Bewusstsein. Das war der
Anfang seiner Erleuchtungen, in deren Verlaut sich die göttliche
Welt, der spirituelle Mensch im Innern, immer mehr entfaltete. Seinem
Bewusstsein wurden die Strukturen und Kräfte der göttlichen
Welt stets umfassender offenbart. Eine Parallele zu dieser Erfahrung
findet sich bei Paulus: ...denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die
Tiefen der Gottheit, (...) Also auch weiß niemand, was in Gott ist,
als der Geist Gottes. Wir aber haben empfangen den Geist aus Gott.
Und Paulus fragt seine Gefährten: Oder erkennt ihr euch selbst
nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Der Gnostiker Paulus erkennt
seine eigentliche Identität und die seiner Gefährten: den
spirituellen Menschen. Von solchen Erleuchtungen durch die
göttliche Welt berichtet uns Valentinus im Evangelium der
Wahrheit. Er spricht von der Freude und Ruhe, die ihn erfüllen,
seit ihm die spirituelle Wahrheit bewusst geworden ist. Er sagt, er
gehöre zu denen, die nicht mehr in die Reiche der Hölle
hinunterzutauchen brauchen, und weder Begierde oder Qual oder Tod ist in
ihnen.
Eben diese gegenwärtige Welt ist ja die Hölle: Sie kommt nicht
erst nach unserem Leben, sondern wir leben jetzt schon darin, in einer
Welt der Konflikte und Angst, der Begierden und Qualen und des
Todes. Die Menschen, so fährt Valentinus fort, denen die Wahrheit
bewusst geworden ist, ruhen im Ruhenden, werden nicht gequält durch
Sehnsucht nach der Wahrheit und sind nicht verwickelt in die Suche nach
der Wahrheit. Im Gegenteil: Sieselbst sind die Wahrheit ... Sie sind
vollkommen und untrennbar von dem wahrhaft Guten und leiden keinen
Mangel an irgendetwas, sondern sie leben in der Ruhe und werden stets
vom Geist erquickt.
Und all die anderen, die sich nicht in diesem Zustand der Freude und
Ruhe befinden - und das sind wir wohl alle, seine heutigen Leser - all
diese mögen wissen, dass ich von nichts anderem mehr sprechen kann,
nachdem ich mich einmal an diesem Ort der Ruhe befunden habe.
Keinen anderen Zweck verfolgt der Verfasser des Evangeliums der
Wahrheit, als uns, die von diesen Mängeln gequält werden, den
Weg zu zeigen, wie wir von ihnen frei werden könnten.
Der Weg zur Erlösung aus den Reichen der Hölle, vom Mangel an
Wahrheit und von der quälenden Sehnsucht nach Wahrheit ist
Erkenntnis, die Erkenntnis der Wahrheit. Dieser Weg beginnt damit, dass
wir erkennen: Im Augenblick befinden wir uns in Unwissenheit und
im Irrtum über die Welt und uns selbst. Wir haben vergessen und
verdrängt, was unsere eigentliche Wurzel und die Wurzel der Welt
ist: Es ist die göttliche Welt, der Vater, wie Valentinus sagt, aus
dem wir unserem spirituellen Wesen nach als seine Ebenbilder
hervorgegangen sind, von dem wir erhalten und in unserer
Entwicklung vorwärtsgedrängt werden. Wir halten unseren
materiellen Körper und die an ihn geknüpften Gedanken und
Gefühle für unser eigentliches Wesen. Wir glauben, dass die
sichtbare tote Materie der Sterne und Planeten im Raum die eigentliche,
alleinige Wirklichkeit sei. Und durch diesen vorgefassten Glauben,
dieses Vorurteil, unterdrücken wir den Geist, der in uns und in der
Welt wirken möchte, so dass wir ihn nicht erkennen
können. Wir sind wie Träumende im Schlaf, die ihre Träume
für die eigentliche Wirklichkeit halten. Im Vergleich zur Welt des
Geistes sind nämlich die Sinneswahrnehmungen eine
Wirklichkeit zweiter Ordnung, wie Träume im Vergleich zum
Wachzustand. Und weil wir, sagt Valentinus, so unwissend sind über
den Vater, da wir ihn, den Geist, weder in uns selbst noch
außerhalb von uns selbst wahrnehmen, so ruft das Schrecken,
Bestürzung, Ohnmacht, Zweifel und Spaltungen, allerlei
Hirngespinste und Wahnbilder hervor, wie es dem Schläfer in
wirren Träumen geschieht.
Nun käme es darauf an, diesen Zustand des vorgefassten
Glaubens, die Materie sei die einzige und ausschlaggebende Wirklichkeit,
zu erkennen und dadurch die Unwissenheit von sich
abzuschütteln wie den Schlaf. Solche Menschen "halten nichts
mehr vom Schlaf. Auch von den Ausgeburten des Schlafes halten sie nichts
mehr,da diese ja keinen Bestand haben, sondern sie lassen sie hinter
sich wie Träume der Nacht". Das ist das Höchste für
den Menschen: zu sich zu kommen und aufzuwachen.
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