Pentagramm 2009/6
Es gibt zwei Arten des Denkens: das analytische und das heilende. Das
analytische Denken geht von der unendlichen Vielfalt der Erscheinungen
aus und erforscht ihre Bestandteile bis hin zu den kleinsten Bausteinen
des Atoms. Es zerteilt, analysiert, rubriziert und macht sich den
Gegenstand einer Untersuchung untertan.
Das heilende Denken erkennt, wie das eine, universelle Leben sich
triumphierend in herrlicher Vielfalt offenbart, in unbeschreiblichem
Reichtum an Formen und Arten. Was von ihm erforscht wird, freut sich
darüber, zeigt mit Eifer seine Schönheit und Zartheit und wird
frei, um zu Höherem aufzusteigen.
Das eine Denken erzeugt Kühle und Übersicht, das andere
Wärme, Leben und Einsicht. Das eine ist menschlich, das andere
göttlich.
Inhalt
- Das Erwachen der Seele J. van Rijckenborgh
- Die vierte Dimension Catharose de Petri
- Das andere Erbe des Charles Darwin
- Wir werden natürlich nicht über Liebe reden
- Das Licht ist das Leben der Menschen
- Den Geist spiegeln. Eine Ansprache an Jüngere
- Alchemie heute. Über Heldentum, Mut, Eifern für die Wahrheit und innere Veränderung
Leseprobe
Das Heldentum ist mit der Basis unseres Menschseins tief verwoben. Unter
den ältesten bekannten Geschichten befinden sich auch immer solche
über Heldentaten. Nicht nur der kühne, selbstlose Ritter und
die keusche Jungfrau sind Helden. Helden sind auch Menschen, die ihre
tiefe Freundschaft für einen Mitmenschen mit selbstaufopfernden
Taten beweisen. Und was ist mit demjenigen, der über besondere
Kenntnisse verfugt? Jährlich werden hohe Preise vergeben an
Wissenschaftler mit besonderen Verdiensten hinsichtlich der Entwicklung
des menschlichen Wissens.
Auch ein Streiter für die Wahrheit kann ein Held werden. Hier
müssen wir aber "kann" sagen, denn nur wenn er mutig an
seinem Ideal festhält und seine Mission gelingt, erhält er den
Heldenstatus. Der Held ist in den Geschichten immer ein Mensch, der
seine eigenen Interessen negiert und eine Tat zum Nutzen anderer
ausführt: für Tiere, die Natur, für Menschen, manchmal
für viele andere. Seine Taten entstehen aus einem gewissen Maß
an Menschenliebe oder werden von religiösen Motiven inspiriert wie
Liebe für Gott und Mensch. Die Eigenschaften eines Helden sind:
Reinheit, Freundschaft, Kenntnis,Wahrheit, Mut.
DIE ERSTEN FÜNF STUFEN DER ALCHEMIE
Reinheit, Freundschaft, Kenntnis, Wahrheit, Mut. Wer verlangt nicht
bewusst oder tief im Unbewuss-ten danach, diese Eigenschaften zu
besitzen? Die Kennzeichen scheinen nicht willkürlich
ausgewählt zu sein und auch nicht zufällig in dieser Rangfolge
zu stehen Denn in jeder von ihnen kann ein alchemistischer Auftrag
erkannt werden. In der Alchemie wird das Opus Magnum, das große
Werk, manchmal in sieben Prozesse, sieben Stufen, unterteilt. Die
fünf genannten Eigenschaften korrespondieren mehr oder weniger mit
den ersten fünf Stufen, nämlich der Calcinatio, Solutio,
Coagulatio, Sublimatio und Mortificatio. Wenn wir die Alchemie als
Allegorie für die Seelenentwicklung betrachten, geben die
Bezeichnungen die ersten fünf Schritte der Wiedergeburt wieder: Das
Licht durchdringt die Finsternis und erfüllt sie. Die Kräfte
des sechsten kosmischen Gebietes verbinden sich mit denen des siebten
Gebietes und schließlich verbindet das Vertikale sich mit dem
Horizontalen. So entsteht das Kreuz, an dem die symbolische Rose des
Herzen erblühen wird.
Der Mensch, der vom göttlichen Geist im Herzen berührt wird,
erhält zunächst einen Eindruck von Lauterkeit, von Reinheit.
Er wird mit der Ausstrahlung eines reinen, unberührten Feldes
konfrontiert und muss darauf mit seinem Suchen reagieren. In diesem
Stadium, der Calcinatio, berührt ihn der erste Strahl des
Siebenlichtes. In der alchimistischen Terminologie heißt es:
"Trenne liebevoll das Reine vom Unreinen und werde dir sowohl deiner
heutigen Situation bewusst, als auch des Weges, den du gehen musst, von
deinem Anfang und von deinem Ziel." Wer seriös mit diesem
ersten Auftrag beginnt und das demaskierende Licht in seinem Leben
bewusst zulässt, wird bemerken, dass er das Leben von diesem
Augenblick an anders erfährt. Für den einen folgt eine Phase
des Kummers, des Abschiedsund der Einsamkeit, für den anderen eine
Phase - manchmal heftiger - Konfrontationen und intensiver Kontakte. In
allen Fällen jedoch werden sich Freundschaften verändern und
auf die Probe gestellt.
Dann zeigt sich, dass wir unbemerkt den neuen Pfad betreten haben. Bald
stehen wir dann vor dem zweiten alchemistischen Auftrag, der Solutio. In
der Sprache der fünf Eigenschaften bedeutet das: "Achte auf
deine Emotionen. Nimm alle Menschen in reiner Freundschaft an. Lass dich
nicht von Gefühlen der Antipathie und Sympathie leiten." Der
zweite Strahl des Siebenlichtes befähigt den Menschen mittels der
universellen Liebe, sich von zu starker emotionaler Bewegtheit zu
befreien. Das führt zu Ruhe in unseren Stimmungen oder, wie wir aus
der Alchemie lernen können, zu der Erkenntnis: "Es gibt keine
guten Stimmungen. Sowohl gute als auch schlechte Stimmungen verhindern
eine reine Objektivität". Die Basis der Freundschaft mit allen
kann niemals Emotionalität sein, sondern die Ruhe und das
Gleichgewicht der lebenden, neuen Seele. Dieses Gleichgewicht und die
reine Objektivität sind auch die notwendige Grundlage für den
nächsten Schritt auf dem Pfad. Franz Kafka, der bekannte Prager
Autor, drückte es so aus:
"Es ist nicht notwendig, dass du aus dem Haus gehst. Bleib bei
deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur.Warte nicht
einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die
Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich
vor dir winden". Wir kommen nun zur nächsten alchemistischen
Phase. Wer sich seines Seinszustandes bewusst geworden ist und sich
einigermaßen frei machen kann von den Turbulenzen, inmitten derer
erhandeln muss, will Kenntnis erhalten. Er will wissen, wer er ist, was
sein Leben bestimmt, was ihn bewegt und was ihn gefangen hält.
Dabei geht es um eine besondere Art der Kenntnis, nämlich um das
Wissen, durch was die Dinge bewegt werden. Ihm genügen die
bekannten Erklärungen der Naturreligion und der Wissenschaft nicht
mehr. Er versucht, mit seinem ganzen Einsatz zu wirklicher Erkenntnis
durchzudringen. Die suchenden Menschen, in denen das Verlangen nach
solcher Kenntnis, nach Gnosis, erwachte, wollen sich nicht mit
äußerlichen Lehren und Texten aufhalten. Sie wollen nicht mehr
nur ihren Verstand schärfen, denn sie wissen, dass ihnen das auf
dem Pfad nicht weiter hilft.
Das Wissen der Gnosis ist als Kraft, als Vibration, wirksam. Wer sich
auf dieses Wissen ausrichtet - mit der Hilfe des Ewigen in sich -,
empfängt es als Eingebung im Herzen und im Blut. In der
Coagulatio-Phase, dem Zusammenfließen zweier Einflüsse,
versteht der Schüler-Alchemist stets mehr den Spruch: "Das
höchste Wissen ist, dass wir nichts wissen." Neben der
Tatsache, dass er das Leben nun anders erfährt, beginnt es auch,
allmählich anders zu verlaufen.
Die dritte Stufe der Alchemie ist für viele ein Stolperstein. Es
besteht in dieser Phase die Gefahr, dass wir an der vielseitigen
Erkenntnis, die wir gesammelt haben, festhalten. Genau wie der reiche
Jüngling aus dem Bibelgleichnis sind wir dann zu schwer beladen, um
dem Pfad folgen zu können. Reich, also den Kopf gefüllt mit
äußerer Kenntnis, versinken wir in Selbstgenügsamkeit.
Denn wer die "eigene Weisheit" nicht aufgeben kann, wird nicht
an der All-Weisheit teilhaben können. Wenn es ein zu großes
Opfer ist, das eigene Wissen loszulassen, kann die Saat der ersten
beiden Stufen keine Wurzeln in dem großen Mysterium des
Nicht-Wissens bilden.
Unser großes Werk begann mit dem Glauben an die mögliche
Wahrheit, dass Blei in Gold verwandelt werden kann oder irdisches Leben
in geistiges Leben, wobei der Ausgangspunkt die Rückkehr zum
ursprünglichen Feld ist. Durch die angewandte Konzentration wurde
ein Durchdringen zur universellen Liebe für jedes Geschöpf
möglich. Nun ist eine feste und sichere Basis erforderlich, um den
Pfad weiter zu gehen. Diese Standhaftigkeit, dieser Glaube, ist wie ein
feuriger Brand imHerzen, der in der nun folgenden Phase
unauslöschlich werden muss.
Daher ist die vierte alchemistische Stufe auch die Sublimatio. Es ist
die Phase des Eintritts des Geistes und das große Hindernis in
diesem Prozess ist der Zweifel.
Wer den Zweifel nicht überwindet, kann die Wahrheit nicht
entdecken. Zweifel ist der negative Pol von Interesse und
Forschungsdrang. Er ist das Instrument schlechthin für die
Gegenkräfte, die sich in unserem Inneren auftürmen; wogegen
ein alles erforschender Geist notwendig ist, um uns aufmerksam und wach
zu halten. Der alles erforschende Geist bewahrt uns vor Wahn und
Illusion. Er ist für das Finden der Wahrheit die entscheidende
Hilfe.
Aber der Zweifel ist der letzte Strohhalm für die Vorherrschaft des
Verstandesvermögens. Der Verstand will sich irgendwo, an etwas von
dem Alten festhalten und sich nicht vollkommen dem Glaubensvertrauen
überlassen. Wirklicher Glaube jedoch zeigt dem Inneren unvermutete
Fernen des neuen Lebens und spornt den Verstand an, die Wege dahin zu
erforschen. Darum können wir den vierten alchemischen Auftrag so in
Worte fassen: "Sieh die Wahrheit und nimm sie an. Lass die Wahrheit
dein Wesen in Besitz nehmen. Lass sie alle Zweifel aus deinem Wesen
brennen." Wer die Wahrheit überdenkt, wird erkennen, dass sie
nur ohne Vorbehalte angenommen werden kann
Mit den Kräften des sechsten kosmischen Gebietes tritt die Wahrheit
in uns ein, so dass wir durch und durch wahr werden. Unsere horizontale
Ausrichtung wird wirklich und buchstäblich von ihr durchkreuzt. Und
nun geht es darum, dieses Feuer nicht auszulöschen. Es muss
unauslöschbar werden.Dieser Prozess muss in Selbstübergabe
stattfinden, im absoluten Annehmen des "Ohne mich könnt ihr
nichts tun". Das ist kein Annehmen der Wahrheit mit dem Ich, es ist
kein persönlicher Streit, sondern der Glaube, der regungslos und
ohne Zweifel in der Wahrheit aufgeht. Es ist die Sublimatio ...
Das letzte Opfer der Ich-Persönlichkeit ist der Tod. Deshalb
besteht die fünfte Stufe des Opus Magnum, die Mortificatio, darin,
den Seelenkörper über den Stoffkörper zu stellen. Es ist
die prinzipielle Überwindung des Ichs der alten Natur. In dieser
Phase ist Mut erforderlich und das Siebenlicht befähigt uns, Mut zu
erringen durch Festhalten an dem einen Lebensprinzip.Wer diesem Prinzip
konsequent folgt, räumt alle Hindernisse aus dem Weg. Es entsteht
dann scheinbar von selbst Raum im Leben, Raum und Zeit, um alles, was
nötig ist, zu tun und Welt und Menschheit zu dienen und dem
Nächsten zu dienen.
Aber es ist nicht so, dass als Erstes Raum entsteht, damit wir uns dem
einen Prinzip weihen können. Nur wer inmitten der Unordnung, der
Verzweiflung des täglichen Lebens, gleichwohl dem einen Prinzip
folgt, entdeckt, dass die ursprünglichen Vermögen des
mikrokosmischen Menschen frei werden. Damit wird auch der Weg frei, denn
er ist in uns selbst. Und so werden Kräfte frei, auf die andere
reagieren können.
Mut gehört zu den großen, ursprünglichen Kräften der
Geist-Seele. Er ist das verwirklichende Vermögen des Helden, der
alle Konsequenzen des Kreuzes auf sich nimmt. Es ist nicht die
forcierende Kraft des Ich-Menschen, sondern die sanfte Kraft des
"Demütigen", der, wissend, dass die Stunde der Befreiung
nahe ist, dem Tod ohne Angst in die Augen blickt. Die Mortificatio, die
Stunde des Todes, ist in Wirklichkeit die Befreiung aus der
Zeiträumlichkeit, die Befreiung vom Tod, der Aufgang in die
Unsterblichkeit. Der fünfte Auftrag des Opus Magnum ist daher auch
entscheidend. Wir können ihn im Sinne der genannten fünf
Eigenschaften wie folgt beschreiben: "Nimm die Spannung zwischen der
irdischen und der ursprünglichen Natur in dir frqhgemut an. Nimm
die Schmerzen dieses Kreuzes an. Lass die Liebeskraft des sechsten
kosmischen Gebietes, die Liebeskraft der Gnosis, ihr Werk in dir
vollziehen. Behalte Mut. Sei standhaft."